Johnny Winter / Original Album Classics
Original Album Classics Spielzeit:
Johnny Winter (34:16)
Second Winter (46:59)
Live Johnny Winter And (40:14)
Still Alive And Well (44:34)
Saints And Sinners (41:50)
Medium: CD-Box
Label: Sony Music, 2010 (Sony Music 1969 - 1974)
Stil: Blues Rock, Blues, Rock'n'Roll


Review vom 04.10.2010


Norbert Neugebauer
»Rock'n'Rooolllllll« - Der irre Schrei zu Beginn von "Johnny B. Goode" vom Live-Album ist wohl das, was mir bei Johnny Winter immer zuerst einfällt. Die LP hatten Kumpel im Kaufhaus der Kreisstadt geklaut und das Ding ratterte dann reihum über die Plattenspieler und machte sämtliche Eltern kirre. Ja, das war Krach. Und was für ein schöner!
Über den brüllenden Typen mit der geilen Klampfe gab's damals wenig zu erfahren, kann sein, dass er auf irgendwelchen Samplern war, der BR-Zündfunk wird auch mal was gespielt haben, die 'Sounds' kam erst später vom ersten Lehrlingsgehalt ins Haus. Irgendwas von einem 'Blues-Albino' aus Texas und dass er noch ein Bruder hat, der auch Rockmusik macht, erzählte jemand. Aber "Live Johnny Winter And" war verdammt noch mal die heißeste Rock'n'Roll-Livescheibe, die wir hatten, mit Wahnsinnsversionen von "Good Morning Little Schoolgirl" und "Jumpin' Jack Flash" sowie einer Menge anderer knallharter und verrückter Nummern, die wir so nie gehört hatten. Das bisschen Blues - o.k. - war noch nicht so unser Ding damals.
Fast vierzig Jahre später gibt's den » weißesten aller weißen Blueser« (der unsägliche Schmarrn wird bis heute weitersalbadert) immer noch. Allerdings aus dem abgefahrenen Typen auf Hochspannung, der sich wie auf 78 Umdrehungen anhörte, ist ein gebrechlicher alter Mann geworden. Einer der immer noch auf der Bühne sitzt, auch wenn er den Weg dorthin gar nicht mehr allein finden würde. Klapprig, annähernd blind und nur ein Schatten des früheren Guitar Slingers. Aber, so sagen die, die ihn in den letzten Jahren hörten, noch immer einer, der vom Blues getrieben ist, und mehr Authentizität rüberbringt, als hundert der tätowierten Big Mac-Gangsta-Ghetto-Klampfer, die sich heut nur mit zehn Bodyguards und fünf Exorzisten auf die Crossroads wagen würden.
Jetzt gibt's ein Wiederhören mit dem jungen wilden Speed Freak, der damals ziemlich bös abgestürzt ist; der alles Mögliche in seinen spindeldürren Körper reinzog, was dem aber gar nicht gut tat. Der Johnny hat die ganzen Drogen zwar überlebt, aber die haben ihn zu einem Wrack gemacht. Dass er heute überhaupt noch spielen kann, ist schon ein kleines Wunder. Dass er sich die endlosen Tourneen auf dem amerikanischen Kontinent und auch hier in Europa immer noch antut, antun muss, ist sicher mit seiner finanziellen Situation begründet. Wer ihm da im Nacken sitzt, skrupellose Geschäftspartner, ein Management, das ihn knebelt, das Finanzamt - wer weiß. Vielleicht ist es ja auch Papa Legba, der nicht nur schwarzen Jungen die Klampfe stimmt
In der inzwischen wohlbekannten "Original Album Classic"-Serie von Sony Music sind fünf frühe Produktionen der kaum noch zu zählenden Veröffentlichungen unter Johnny Winters Namen vereinigt. Welche Kriterien für die Auswahl den Ausschlag gegeben haben, wissen wir nicht. Sie sind jedoch recht repräsentativ für den ersten, sehr erfolgreichen Karriereschritt des Freaks aus Beaumont. Allein schon die eingedampften Original-Cover verdeutlichen den Weg vom schwertalentierten, aber noch Label-gestylten Bluesjüngling zum durchgeknallten Freak, der den Zwölftakter bestenfalls als Startrampe für einen irren Trip durch das Rock'n'Roll-Universum ansah.
Johnny Winter, sein Debüt 1969 auf dem Columbia Label ("The Progressive Blues Experiment" auf Sonobeat war das erste Album), zeigte bereits die phänomenalen Fähigkeiten des schielenden Gitarristen, der nicht nur enorm schnell, sondern auch tierisch flüssig und southern-inspiriert mit Feeling spielte. Dazu noch eine Slidetechnik beherrschte, wie bis dahin selten gehört. Die reine Blueslehre war das nur noch zum Teil, das rockte auch schon gewaltig. Dass ihn bei "Mean Mistreater" die beiden Blues-Großmeister Willie Dixon und Walter 'Shakey' Horton an Bass und Harp unterstützten, dürfte für den damals 25-Jährigen der Ritterschlag gewesen sein. Soundmäßig hat dieses CD gegenüber der mir bekannten Vinyl-Scheibe um einiges zugelegt.
"Second Winter", ebenfalls noch aus 1969, ist ein Schritt weiter Richtung Rock, aber auch in andere Gefilde, Gitarren- und sonstige Effekte, zusätzliche Instrumente, psychedelische Jams und zwei Versionen, die die Originale an die Wand spielen: "Johnny B. Goode" und "Highway 61 Revisted". "I Love Everybody" ist das Blues Rock-Paradestück auf diesem Album, das leider soundmäßig sehr schwankt und gewaltig hinter der zwischenzeitlichen 'Expanded Version' herhinkt.
"Live Johnny Winter And" (1971) ist noch heute ein Hammer, am Klang dürfte inzwischen auch etwas zum Besseren geschraubt worden sein. Mit Rick Derringer liefert sich der Texaner Gitarrenduelle vom allerfeinsten und röhrt wie ein brünftiger Longhorn-Bulle.
Mit dem Cover-geprägten "Still Alive And Well" von 1973 rockt Mr. Winter weiter und härter. Er driftet allerdings auch schon mal Richtung ordentlicher Pop-Ballade ("Cheap Tequila") oder Country Rock ("Ain't Nothing to Me"), was ihm nicht mal schlecht steht, den Puristen allerdings wohl kopfschüttelnd weiterzippen lässt. "Silver Train" und "Let It Bleed" sind nicht unbedingt weitere gelungene Neuschöpfungen, das haben die Stones dann auf ihre Art doch besser hingekriegt. Ähnliches gilt für "Lucille" oder das ebenfalls auf R'n'R-getrimmte "From A Buick Six". Ungewöhnlich als Blues mit Mandoline und Flöte klingt "Too Much Seconal".
"Saints & Sinners" bietet 1974 einen neuen Sound mit Backing Vocals, mehr pop-orientiert und vom Bruder Edgar beeinflusst. Gut anhörbar, wenn man nicht grad auf den 'typischen' JW wartet. Der kommt allerdings mit einer diesmal spitzenmäßigen Version vom "Stray Cat Blues" auf Touren und bluesrockt sich dann ebenso fröhlich wie abwechslungsreich durch das Album (bei "Riot In Cell Block # 9" nicht zum ersten Mal im Gleichschritt mit einem bekannten Gitarren-Bruder aus Irland). Zum Schluss funkt's dann mit viel Brimborium kräftig: "Feedback On Highway 101". "Dirty" ist eine inspirierte Zugabe, die wir gern noch mitnehmen.
Klaro ist das auch hier ein guter 'Beginners Guide to' zum günstigen Preis. Die teilweisen Sounddefizite sollten damit allerdings nicht entschuldigt werden, die eher darauf hindeuten, dass da die Konzernleitung mit einer weiteren, dann "Remastered Series" des gleichen alten "Original Album Classics"-Weins kalkulieren könnte. Als Einsteiger-Kost ist dieser Pack jedenfalls nicht übel und Johnny Winter sollte man schon gut sortiert im Regal haben
Tracklist
Johnny Winter:
01:I'm Yours And I'm Hers
02:Be Careful With A Fool
03:Dallas
04:Mean Mistreater
05:Leland Mississippi Blues
06:Good Morning Little Schoolgirl
07:When You Got A Good Friend
08:I'll Drown In My Own Tears
09:Back Door Friend
Second Winter:
01:Memory Pain
02:I'm Not Sure
03:The Good Love
04:Slippin' And Slidin'
05:Miss Ann
06:Johnny B. Goode
07:Highway 61 Revisited
08:I Love Everybody
09:Hustled Down In Texas
10:I Hate Everybody
11:Fast Life Rider
Live Johnny Winter And:
01:Good Morning Little Schoolgirl
02:It's My Own Fault
03:Jumpin' Jack Flash
04:Rock & Roll Medley:
  a) Great Balls Of Fire
  b) Long Tall Sally
  c) Whole Lotta Shakin' Goin' On
05:Mean Town Blues
06:Johnny B. Goode
Still Alive And Well:
01:Rock Me Baby
02:Can't You Feel It
03:Cheap Tequila
04:All Tore Down
05:Rock & Roll
06:Silver Train
07:Ain't Nothing To Me
08:Still Alive And
09:Too Much Seconal
10:Let It Bleed
11:Lucille
12:From A Buick Six
Saints & Sinners:
01:Stone Country
02:Blinded By Love
03:Thirty Days
04:Stray Cat Blues
05:Bad Luck Situation
06:Rollin' 'Cross The Country
07:Riot In Cell Block # 9
08:Hurtin' So Bad
09:Bony Moronie
10:Feedback On Highway 101
11:Dirty
 
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