Aus Alt macht Neu
Zwischenruf Oder: Die unendliche Geschichte der Wiederveröffentlichung des Back-Katalogs



Zwischenruf vom 06.03.2012


Jürgen Hauß
Jüngst entdeckte ich in der Blues-Abteilung des Plattenladens meines Vertrauens - Mr. Music in Bonn - unter 'Neuheiten' die CD "Belfast Blues In A Jar" von Eric Bell. Eric Bell? Der Titel des Album deutet bereits auf eine gewisse Nähe zu der irischen Rockband Thin Lizzy hin, doch wer dabei dann ausschließlich an Phil Lynott denkt, vergisst das Gründungsmitglied der Band, das immerhin auch den 'Über-Hit' "Whiskey In The Jar" mitarrangiert hat (wenn man außen vor lässt, dass es sich dabei eigentlich um ein irisches Volkslied handelt). Auf der vorliegenden CD - einer Live-Einspielung - präsentiert Eric Bell nicht nur eine überlange Version dieses sowie anderer Thin Lizzy-Hits, sondern in erster Linie Blues-Standards, ergänzt um ebensolche Studio-Aufnahmen.
Doch meine ursprüngliche Absicht, über diese durchaus ordentliche CD ein Review zu schreiben, geriet mehr und mehr in den Hintergrund, weil sie mal wieder ein Beispiel dafür ist, mit welchen - teilweise schon frechen - Methoden die Plattenfirmen versuchen, aus ihrem Back-Katalog durch 'Recycling' noch mehr Geld zu erzielen. Die CD von Eric Bell ist dabei nicht einmal das schlimmste Beispiel; vielmehr stellt sie - für mich - quasi den berühmten Tropfen dar, der das Fass zum Überlaufen bringt und mich zu dem vorliegenden Zwischenruf veranlasst.
Wie eingangs geschrieben: Die CD entdeckte ich unter der Rubrik 'Neuheiten'. Die CD weist in der Tat als ⓟ- und ©-Datum das Jahr 2012 aus, und von der Rückseite des Covers blickt ein in Ehren ergrauter Gitarrist von der Bühne. Das Bild könnte einem heute knapp 65-Jährigen entsprechen. Stutzig machte mich bereits die zwar konkrete Angabe »Tracks 01-10 recorded live in Gothenburg & Helsingborg, Sweden«, ohne dass hier aber konkrete Daten genannt werden. Auch im Inneren des DigiPaks, das ausführliche Liner-Notes zieren, gibt es nichts Konkretes (tatsächlich handelt es sich um eine nur schlecht adaptierte Übernahme des auf der Homepage von Eric Bell biographisch geschriebenen Lebenslauf des Musikers: »Eric Bell was born I was born in East Belfast« [!]).
Auch die Diskografie auf der Homepage von Eric Bell führt die CD nicht auf. Weitere Recherchen im Internet geben allerdings konkrete Hinweise darauf, dass es sich um die - bereits mehrfach erfolgte - Wiederveröffentlichung zweier Konzerte handelt, die tatsächlich bereits im Jahr 1996 stattgefunden haben. Das ursprüngliche Album wurde offenbar unter dem Gruppennamen Eric Bell Band und dem Titel "Live Tonight" seinerzeit wohl nur in Schweden veröffentlicht. Bereits 2001 erfolgte eine Wiederveröffentlichung unter dem Titel "Live Tonight Plus" unter Hinzufügung von »three new songs«, 2007 erschien eine CD von Eric Bell unter dem Titel "Thin Lizzy Blues" mit identischem Track-Listing, und schließlich wurde im Jahr 2009 "Live Tonight Plus" erneut wiederveröffentlicht. Und jetzt also "Belfast Blues In A Jar", wobei allerdings die Bonustracks gegenüber den Vor-Wieder-Veröffentlichungen durch vier andere (Studio-)Aufnahmen ausgetauscht wurden, vermeintlich um den 'Blues'-Ansatz zu verstärken.Die Aufnahmen sind zuvor zumindest auf dem Album "Lonely Nights In London" veröffentlicht worden, für das ich wiederum unterschiedliche Informationen gefunden habe, ob diese CD aus dem Jahr 2009 oder 2010 stammt - auf der Homepage von Eric Bell ist auch dieses Album nicht angegeben! Jedenfalls ist auch dieses Material eindeutig eine - nicht gekennzeichnete - Wiederveröffentlichung. Bemerkenswert ist ansonsten, dass auf der aktuellen CD ein teilweise anderes Line-up angegeben ist als auf der Homepage von Bell. So wird hier Tony Wooton (anderenorts auch Tony Woolton genannt) als Bass-Spieler bei den Live-Aufnahmen anstelle von Tony Williams vermerkt; da soll noch einer durchblicken!
Ein anderes Beispiel für derartige Machenschaften, das mir spontan einfällt, ist die CD Illusionation vom Billy White Trio, die zu dem Zeitpunkt, als ich sie von der RockTimes-Redaktion im Jahr 2009 als neue CD zwecks Erstellen eines Reviews geschickt bekam, schon vor mehr als zehn Jahren erstveröffentlicht war. Von der Unsitte, CD-Sampler verschiedener Künstler regelmäßig neu zu veröffentlichen, will ich an dieser Stelle gar nicht erst reden!
Den 'Vogel' in diesem Zusammenhang schießt m. E. die deutsche Plattenfirma der Italo-Blueser Morblus, Stormy Monday Records ab. Von deren Homepage wird man unverzüglich auf die Webseite der Band weitergeleitet, wo hier deren jüngste CD-Veröffentlichung
Live At The Camploy Theatre als »die heiß ersehnte neue Live-CD« ankündigt wird. Wenn man weiß, dass die Band im vergangenen Jahr ihr 20-jähriges Bestehen mit einem großartigen Konzert in Verona gefeiert hat, ist es durchaus naheliegend, mit dieser 'neuen' CD eine Dokumentation dieses Ereignisses geliefert zu bekommen. Diesem Irrtum ist offenbar auch das Unternehmen Inakustik erlegen, über das Stormy Monday Records seine Produktionen vertreibt und das über die CD auf seiner Seite schreibt: »Die vorliegende CD wurde live aufgezeichnet beim Jubiläumskonzert zum 20jährigen Bestehen der Band in Verona«. Von wegen!
Lediglich auf der englischsprachigen Seite von Morblus heißt es unter der großen Überschrift »New Release - Live At The Camploy Theatre« insoweit immer noch irreführend, aber im Kern zumindest wahrheitsgemäß: »The new live CD "Live at the Camploy Theatre", once again published by Stormy Monday Records «. Was denn nun: »new« oder aber nur »once again published«? Das kann man allerdings nicht ganz eindeutig beantworten, denn zumindest auf CD war das Konzert aus dem Jahr 2006 bislang noch nicht veröffentlicht, wohl aber auf DVD.
Leute - ich habe nichts gegen Wiederveröffentlichungen älterer oder ganz alter Aufnahmen, wenn sie denn einen wirklichen Mehrwert erzielen, beispielsweise durch - wirklich sinnvolle - Bonus-Tracks. In diesem Zusammenhang sei hier genannt die 'Deluxe'-Ausgabe von "At Fillmore East" der
Allman Brothers Band auf der wichtige Aufnahmen, die zusammen gehören - wenn auch nicht wirklich erstveröffentlicht, doch zumindest - erstmals zusammengeführt wurden. Oder aber die Wiederveröffentlichung ermöglicht erstmals die komplette Pressung einer LP auf einer CD. So war beispielsweise das legendäre "Köln Concert" von Keith Jarrett eine der ersten CDs, auf die Anfang der 80er Jahre begonnen wurde, den LP-Backkatalog der Plattenfirmen erstmals zu digitalisieren. Die damalige Technik erlaubte es nur, die Parts I, II a und II b auf eine Scheibe zu pressen. Erst später konnte das vollständige Konzert - obwohl nur etwa 66 Minuten andauernd - auf eine CD gepresst werden. Das nenne ich Mehrwert!
Einen Mehrwert bietet natürlich auch, wenn die Wiederveröffentlichung es den 'Spätberufenen' erstmals ermöglicht, auf die entsprechende Produktion zugreifen zu können, weil die Originalausgabe mittlerweile vergriffen ist. Für die CD, die Auslöser für diesen Beitrag war, gilt dies allerdings nicht (wenn man von den vier Bonus-Tracks absieht). Die zwischenzeitlichen Wieder-Veröffentlichungen von "Live Tonight" bekommt man sämtlich problemlos als CD oder auch mp3-Download bei amazon.de. Und selbst die Originalausgabe wird hier - über einen Dritthändler - noch angeboten (Stand: 26.2.2012).
Dennoch hat diese Veröffentlichung - jedenfalls für mich - den geforderten Mehrwert. Denn durch die Neuveröffentlichung bin ich erstmals auf diese - wie ich eingangs schon schrieb - ordentliche Produktion aufmerksam geworden. Bei der Flut von Veröffentlichungen kann es schon mal passieren, dass man die ein oder andere Scheibe - trotz regelmäßiger Lektüre von RockTimes - übersieht. Aber bitteschön: Das kann man doch auch offensiv angeben und auf diesen - m. E. wichtigen - Umstand hinweisen, so erspart man sich 'ne Menge Missmut bei Kunden, die möglicherweise ansonsten später entdecken, die gekaufte CD bereits ihr Eigen zu nennen, oder aber die dokumentierte zeitliche Phase des Künstlers nicht mögen. Ich jedenfalls möchte gerne vorab wissen, was ich zu erwarten habe, und dies nicht erst aufgrund längerer Recherche-Arbeiten erfahren. Dankeschön!