Besetzungskarussell
Bäumchen-wechsle-dich...
Wie oft wurde schon diskutiert, ob Thin Lizzy ohne Phil Lynott noch Thin Lizzy ist.
Wie haben wir darüber gestritten, ob sich Black Sabbath nach Ozzys Ausstieg noch Black Sabbath nennen durften.
Nie sind diese Fragen abschließend beantwortet worden, weil.... ja, weil es die verschiedensten Ansichten darüber gibt.
Die angesprochenen Thematiken kratzen allerdings nur an der Oberfläche der wirklichen Verhältnisse. Es vergeht eigentlich keine Woche, in der man nicht erfährt, dass irgendwelche Musiker aus irgendwelchen Bands ausgestiegen sind. Oder eingestiegen sind, oder einfach gewechselt haben. Die angegebenen Gründe sind mannigfaltig. Wir lesen von "musikalischen Differenzen" und "persönlichen Gründen". Die meisten dieser News werden einfach zur Kenntnis genommen, ohne dass sie für große Aufregung sorgen. Seismologische Erschütterungen sind die absolute Seltenheit.
"Chaos-Rocker Aeroplane Accident haben ihren Frontman Ted Striker aus der Band geworfen." - Na und?
"Black Tinnitus machen jetzt mit Hannes Gröhl als Sänger weiter" - Sollen sie doch!
"Jefferson Davis ist neuerdings als Gitarrist bei der Südstaatenformation Singing Cowbells an Bord." - Selber Schuld!
Aufregender wären Meldungen der Art, dass Motörhead ohne Lemmy weitermachen oder dass die Stones Mick Jagger gedownsized hätten. Warum ist klar: nicht nur der Bekanntheitsgrad ist entscheidend, sondern auch, ob eine Band mit einer bestimmten Person gleichgesetzt wird - die Band mit ihr identifiziert wird. Gerade wenn letzteres zutrifft, wird die Frage gestellt, ob das eigentlich danach noch die gleiche Band ist.
"Für mich nicht!" sagen die meisten. Das kann man durchaus oft nachvollziehen. Ist AC/DC ohne Angus Young vorstellbar?
Wie sieht es aus mit Govīt Mule ohne Warren Haynes?
Was ist mit Desaster Area ohne Hotblack Desiato?
Kniffelig, kniffelig, möchte man antworten. Aber es gibt Beispiele aus der Rockgeschichte, bei denen Besetzungswechsel dieses Kalibers irgendwie funktioniert haben. Als Van Halen sich von David Lee Roth getrennt haben und Sammy Hagar das Mikro ergriff, zum Beispiel. Oder als Ian Gillan Deep Purple verlassen musste. (Beim ersten Mal wohlgemerkt, denn der Nachfolger war eine ähnliche Koryphäe wie der gute Ian und hieß bekanntlich David Coverdale. Beim zweiten Mal war es schon kritischer, denn auf die Bühne und ins Studio kam Joe Lynn Turner, der vorher ja schon Rainbow zersungen hatte.)
Manchmal verändern sich Bands derart, dass aus den Anfangstagen kaum jemand mehr dabei ist. Wieder kann man Deep Purple anführen. Das Rückgrat dieser Band ist einzig und alleine Ian Paice. Oder Molly Hatchet, aber im Gegensatz zu DP gibt es dort nicht mal mehr ein Rückgrat. Vielmehr sollte man von einem Exoskelett sprechen, denn von der ursprünglichen Besetzung ist niemand mehr an Bord.
Es ist wie die alte Axt vom Opa, die wir alle kennen. Die Klinge ist über die Jahre hinweg schon dreimal ausgewechselt worden und der Stiel gar fünfmal - aber es ist immer noch dieselbe alte Axt.
Ein anderes Mal ist der Besetzungswechsel ein überwältigender Erfolg. Erst dadurch wurde die Band so richtig gut - manchmal bekommt eine Truppe erst dadurch ihre Identität.
Welcher Sänger fällt euch ein, wenn ihr den Namen Iron Maiden hört? Bruce Dickinson oder Paul Di'Anno?
Viele mögen überrascht gewesen sein, als sie dieser Tage von der CD- Veröffentlichung eines gewissen Dave Evans gelesen haben. Der war mal Sänger bei AC/DC - vor Bon Scott.
Auch gibt es Fälle, in denen ein neues Bandmitglied einfach nur besser ins Line-Up passte. Sei es optisch, sei es von der Ausstrahlung her gesehen.
Für mich spielten KISS im stärksten Line-up, als Eric Singer die Trommelfelle malträtiert hat. Um nochmals AC/DC zu bemühen: Was entwickelte die Truppe für ein Charisma, als Chris Slade die Rhythmus-Abteilung anführte!
Sicher sind das weiche und subjektive Faktoren. Allerdings sind es auch oft subjektive Gründe, die einen Käufer zum konsumieren eines bestimmten Produktes bringen.
Das wissen sowohl die Manager der Musikindustrie als auch die "Bandleader", denn deswegen werden beim Casting auch noch andere Kriterien berücksichtigt als das reine musikalische Vermögen.
Die Bands brüten immer neue Dinge aus, um wieder ins Geschäft zu kommen.
Gegenwärtig beschäftigt eine Neuformation der Südstaaten Rock Legende Blackfoot die Fans dieses Genres. Diese Jungs wollen es ohne den früheren Kondensationskern Rickey Medlocke versuchen. Einige sprechen jetzt schon von einem Klon. In der Öffentlichkeit wird zwar heftig über ein Klonverbot debattiert, dieses ist einigen Clowns im Business aber natürlich völlig egal. Denn auch Queen wollen ihre Häupter wieder mit der Krone verzieren. Ein Torso der ehemaligen Band will 2005 mit Paul Rogers Hofstaat halten. Da werden sich die Gemüter spalten, ganz gewiss. Schon jetzt brechen die Diskussionen los. Ein Kumpel meinte, die neue Truppe sollte den Namen "QUEEN" nicht entweihen, sondern lieber als "MAYLOR" auftreten.
Na ja, einen tollen Nebeneffekt hat das Besetzungskarussell schon: Alle haben was zu diskutieren!
Olli "Wahn" Wirtz,20.12.2004