Casus Belli
Zwischenruf
Gründe zum Streiten
Schon mal richtig hitzig über Musik gestritten? Passiert mir immer dann, wenn ich es mit Leuten zu tun bekommen, die allzu sehr in den Charts verwurzelt sind und fahrlässig den Begriff "Rock-Musik" verwenden.
Da wurde letzten Samstag zur Dauerwelle Deutschlands Wolfgang Petri abgerockt.
Da wird wie völlig selbstverständlich mit AC/DC gekontert, sobald man mal den Begriff "Heavy Metal" erwähnt.
Da wird ehrliche Empörung geäußert und von Etikettenschwindel gesprochen, weil Nightwish ja doch mehr Krach machen, als die "Tunten -Tenöre!"
Warum der Streitmodus eingestellt ist? Wegen der arroganten Eindimensionalität. Die Rock-Musik wird vielfach auf genau einen Stil und zwei handvoll Musiker reduziert. Dazu kommt dann oft noch der fehlende Gegenwartsbezug. Rock-Musik ist auf einmal was von früher: "Smoke On The Water", das war noch 'richtige' Rock-Musik; und "Radar Love".
Dabei war Rock-Musik noch nie so vielfältig wie heute. Man kann alles kriegen, in allen Variationen. Hartes, Softes, Sanftes, Böses, Nerviges, Schnelles, Krasses, Frickliges, Jazziges, Krautiges, Progressives und und und. Man muss sich nur mit offenen Ohren durchs Leben hören. Eindimensionalitäten sind völlig fehl am Platz. Unzulässige Uniformierungen gehen absolut an der Realität vorbei. Aber sie sind Realität, leider. Zur Informationsgewinnung durchstöbern wir regelmäßig das Internet, die Fachpresse, die Kataloge... und halt.
Neulich wurde ich Opfer des Weltbild Katalogs. Die Werbetexte für die RockTimes-kompatiblen Musik CD's und DVD's ließen mich zuerst ungläubig staunen, dann belustigt schmunzeln und nun schreiben.
Ein paar Beispiele dürfen euch nicht vorenthalten werden:

Nazareth The Collection: Die Altrocker mit ihren besten Hits, Love Hurts...

Guitar Classics: Gitarren Sound vom Feinsten, The Cure...

Joe Cocker: Heart Soul - Der Mann mit der unverwechselbaren Stimme.

Rolling Stones: The live licks - Die Urgesteine des Rock 'n' Roll - seit über 4 Jahrzehnten sind sie schon auf Tour und nach wie vor voller Elan & Feuer.

Rod Stewart: The great American Songbook 3: Seit mehr als 35 Jahren auf der Bühne und kein bisschen leise. Der Mann mit der Reibeisenstimme...

Nightwish: Tales from the elvenpath - Ausgefeilte HeavyRock-Kompositionen mit klassisch angehauchtem Gesang sind ihr Markenzeichen...

Brian Adams: Room Service - Kanadas Rock-Export Nummer Eins ist auch hier zu Lande ein gefragter Star. Hier seine neue CD mit allen, was Fans erwarten.
Wohlgemerkt Brian Adams. Ich schätze, die meinen eigentlich Bryan Adams, aber als ob das noch wichtig wäre!
Zuerst dachte ich, die wollen uns verarschen. Aber die meinen das Ernst. Ist doch köstlich, dachte ich mir: Wir brechen uns täglich einen ab, um ungefähr am Geist der Sounds zu sein, um die Vielfalt ein wenig transparenter zu machen und die kommen mit so einem Blödsinn daher.
Dazu fällt mir auch wieder die Präsenz der Rock-Musik im ZDF ein. Insbesondere habe ich dabei diese Meisterleistung niveauvoller Abendunterhaltung im Auge. Ein stilvoll belumpter, ewig jünglich wirken wollender Nasenmann, der allen ständig damit auf den Sack geht, dass er in den USA wohnt, zelebriert regelmäßig die Zocker Sendung "Wetten, dass...". Und weil er ja seine kulturelle Sozialisation in den 1960ern und 1970ern erfahren hat, treten eben auch Rock-Musiker auf. Aber irgendwie immer die gleichen, oder zumindest gleichartige.
Joe Cocker, Tina Turner, BAP und noch ein paar andere Vögel gleichen Kalibers.
"Braucht man ja eigentlich nicht einzuschalten..."
Stimmt, aber die reden dabei über das gleiche Thema wie wir. Über Rock-Musik! Die Zuschauer draußen glauben einem Gottschalk doch, wenn der beispielsweise behaupten sollte, die Scorpions seien beinharte Metal-Rocker. Die Grenzen verwischen, denn die Gottschalks dieser Welt nehmen sie nicht so genau. Da werden auch mal eine Handvoll verzogener Muttersöhnchen wie Fettes Brot oder einen verzickte Göre wie Jennifer Lopez in Verbindung mit "Rock-Musik" genannt.
Gibt's da überhaupt einen Kontext? Versteckt sich hinter den genannten Beispielen doch ein gemeinsamer Nenner?
Nun ja, nach unserem Verständnis gibt es eine für die Rock Musik ausschlaggebende Eigenschaft - ein Valenz-Attribut, quasi:
Da sind Steine drin!
Soweit so gut. Offenbar ist dieser Umstand mittlerweile allgemein anerkannt worden. Aber er wurde auch geschickt uminterpretiert. Die gottschalksche Auslegung definiert auch Kohlen als Steine. Eine Menge Kohle lässt sich nämlich machen mit Musik im Allgemeinen und Rock-Musik im Speziellen. Diese Jungs und Mädels von Weltbild, Fernsehen, Radio und so weiter und so fort, haben die andere noch wichtigere Eigenschaft des Begriffs Rock-Musik erkannt. Mit ihm kann man Geld scheffeln. Schon alleine, wenn man ihn als "Markenname", als "Branding" benutzt. Dass dabei eine Menge Mogelpackungen entstehen, interessiert überhaupt nicht. Im Gegenteil, letztendlich muss man die "Rockeigenschaft" eines Musikers nur lange genug behaupten, dann wird sie schon irgend jemand zuerst glauben, dann verinnerlichen, dann multiplizieren. Da wirkt die legendäre "Normative Kraft des Faktischen". Bald darauf findet man sich mit diesen Gläubigern und Multiplizierern im Clinch über Rock-Musik wieder, weil sie Samstag nach "Wetten, dass..." zu Rosenstolz "affjerock'" sind.
Aber wer weiß, was wir alles so behaupten werden, wenn wir mal 8 Millionen Klicks im Monat haben. Ich schreib dann meine Zwischenrufe auf der Terrasse meiner Finca auf Mallorca.


Olli "Wahn" Wirtz, 24.04.2005