Manch' ein Song hätte es verdient, nicht gecovert zu werden ...
Zwischenruf oder aber mindestens zwei Mal!



Zwischenruf vom 28.07.2012


Jürgen Hauß
Was für eine traurige Woche! Erst wurde die Nachricht des Todes von Jon Lord verbreitet, und dann wurde auch noch bekannt, dass Norbert Maria Berger bereits am Samstag zuvor verstorben ist. Norbert Maria Berger? Das wird sich da sicherlich mehr als nur einer der RockTimes-Leser fragen. Besser bekannt war er unter seinem Künstlernamen Bert. Bert? Der aus der "Sesamstraße"? Nein, der nicht, sondern Bert von Cindy & Bert, einem Schlager-Duo, das uns oder unsere Vorfahren in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts des letzten Jahrtausends mit deutschen Schlagern wie "Immer wieder Sonntags" oder "Spaniens Gitarren" beglückte und manch einen Hitparaden-Zuschauer sogar begeisterte.
Nachdem dieses nun geklärt ist wird sich umso mehr manch einer fragen: Was interessiert das mich? Schlagermusik ist doch nun wirklich nicht mein Genre. Klar, aber dennoch: Anlass für den vorliegenden Zwischenruf ist eine Cover-Version, die ausgerechnet dieses Schlager-Duo veröffentlicht hat: "Der Hund von Baskerville".
Klingt niedlich, nicht wahr? War aber - man mag es kaum glauben - eine deutsche Version des Black Sabbath-Klassikers "Paranoid"! Und wer jetzt denkt, ich sei paranoid, der möge zum Beweis bei YouTube googlen.
Bert als deutscher Ozzy Osbourne? Das ist wirklich eine absolut absurde Vorstellung. Der stets im Schatten seiner damaligen Ehefrau Jutta Gusenburger alias Cindy stehende Sänger, dessen Stimme in der Regel kaum wahrnehmbar war, eine deutsche Kopie eines der berühmtesten Shouters des Hard Rock? Das kann man nicht einmal unter der Überschrift 'Parodie' ernst nehmen!
Doch der deutsche Schlager der siebziger Jahre machte vor nichts halt. Waren es zuvor italienische Schnulzen oder französische Chansons, die mehr oder weniger gut ins Deutsche übertragen wurden, machte man in jener Zeit auch vor englischen Popsongs nicht halt. Auch hier gibt es bereits die eine oder andere Merkwürdigkeit. Aber Hard Rock? Man stelle sich nur vor: Die Kastelruther Spatzen interpretieren "Smoke On The Water" als "Lagerfeuer am Baggersee"! Geht gar nicht!
"Der Hund von Baskerville" jedenfalls ging auch nicht! Wurde aber dennoch produziert. Und der Höhepunkt des oben angesprochenen Videos: Ein mürrisch in die Kamera schauender Pekinese, zeitweise sogar gähnend, der den gefürchteten Hund von Baskerville aus dem gleichnamigen "Sherlock Holmes"-Kriminalroman von Sir Arthur Conan Doyle abgeben soll. Das könnte man wirklich nur noch als Parodie bezeichnen, würde nicht insbesondere Cindy mit stoischer Miene den Song darbieten, um die Ernsthaftigkeit der Story und der Interpretation zu unterstreichen. Allerdings scheint 'der deutsche Ozzy' manchmal in sich hinein zu lächeln, so als würde er selbst nicht ganz ernst nehmen, was er da tut.
Doch sie haben es getan: Sie haben sich - ich kann es nicht anders ausdrücken - an einem Song vergriffen, dessen Melodie - um es mit den Worten von Markus Kerren auszudrücken - »in die Musikgeschichte eingehen sollte«. Und der Text? Ist ja für sich genommen eine durchaus spannende Story, hat aber so gar nichts mit dem Originaltext von "Paranoid" zu tun. Wer auf diese Idee gekommen ist, dem sollte die Lizenz zum Songschreiben entzogen werden. Doch das ist nicht mehr nötig, denn den Text hat doch tatsächlich der gerade verstorbene Bert höchstpersönlich verbrochen!
Auf mindestens demselben unterirdischen Niveau bewegt sich übrigens eine Cover-Version der »Goldenen Stimme aus Prag« Karel Gott: "Rot und Schwarz" ist doch tatsächlich eine Misshandlung von "Paint It Black" von den Rolling Stones im "Kalinka"-Stil. Mehr fällt mir dazu nicht ein!
Bei meinen Recherchen zu dem vorliegenden Beitrag stieß ich auf die CD-Reihe "Pop In Germany" aus dem Hause Bear Family. Auf mittlerweile acht CDs hat das rührige Plattenlabel die 'besten' deutschen Cover-Versionen englischer Hits veröffentlicht und dabei zahlreiche Kuriositäten zusammengetragen. Wahrscheinlich war der hier ausführlich dargestellte Song Auslöser für diese Reihe, denn er befindet sich an erster Stelle von CD 1; der andere Titel führt immerhin CD 2 an. Alle Scheiben sind übrigens bei Bear Family oder über Amazon noch zu beziehen, jeweils allerdings derzeit leider ohne die Möglichkeit einer vorherigen Hörprobe. Aber vielleicht ist das ja auch besser so!
Nicht dabei ist allerdings eine weitere, äußerst bemerkenswerte Cover-Version: Grief Of God, eine Doom Metal-Band aus Wolfsburg, die in den 90er Jahren aktiv waren, traten im Jahr 2009 mit einer selbst produzierten CD "Cold And Depressed" wieder in Erscheinung, auf der sie ihrerseits Cindy & Berts "Hund von Baskerville" covern, wobei sie deren Text in eine musikalische Version bringen, die wieder mehr an Black Sabbath erinnert. Die Parodie der Parodie kann man dann doch noch als gelungene Cover-Version des Klassikers betrachten. Und so hat das Ganze doch noch ein gutes Ende gefunden! Von "Paint It Black" bzw. "Rot und schwarz" gibt es leider keine zweite Eskalationsstufe; wahrscheinlich aber würde selbst die nicht mehr helfen!