So entsteht eine Review
Zwischenruf
Aus dem Uhrwerk: Wie entsteht eine Review in der Rocktimes?
Es kommt immer gut an, wenn Blicke hinter die Kulissen gewährt werden. Wenn aus dem Nähkästchen oder treffender, aus dem Uhrwerk geplaudert wird.
Einen großen Teil unserer Inhalte stellen die Reviews dar. Wir besprechen vornehmlich CD's. Aber auch vor Musik-DVD's, Musikfilmen und Literatur über Rockmusik haben wir keine Berührungsängste. Die Ergebnisse der Arbeit unserer Stammcrew und unserer tollen Gastschreiber klickt ihr regelmäßig an.
Die eigentliche Schreiberei ist nur ein Teil der Arbeit. Bevor eine Review in unserer Neuheitenrubrik angezeigt wird, ist noch mehr an Arbeit nötig. Zuerst einmal muss das Reviewobjekt ausgesucht werden. Auf einer Rock Show kam ich mit einem Musikfan ins Gespräch. Der meinte, er würde Reviews eigentlich nicht mehr lesen - egal ob bei Printmagazinen oder bei Onlinern. Sie wären ihm alle zu positiv. Dazu kann man natürlich verschiedene Meinungen haben. Aus Sicht der RockTimes stellt sich die Angelegenheit so dar:
Unsere Redakteure sind allesamt aus Spaß an der Freud an Bord. Wir finanzieren die RT selbst und verfügen auch zeitlich nur über eingeschränkte Kapazitäten. Sie ist eben ein reines Fanprojekt. Witzig ist, dass dies draußen wohl nicht immer so wahrgenommen wird. Wir haben mittlerweile bereits Bewerbungen um Jobs erhalten. Trotzdem überlegen wir uns genau, welche CDs wir besprechen. Es hat sich schnell herausgestellt, dass niemand Zeit und Lust hat, eine wirklich schlechte Platte zu reviewen. Eine miese Platte ist nichts weiter als Zeitverschwendung. Wenn einem Redakteur eine Produktion nicht gefällt, wird sie innerhalb der Crew weiter gereicht. Mag niemand den Silberling wird er (meistens) nicht gemacht. Unsere Rubrik "Zeitverschwendung" wird nichtsdestotrotz aber weiter wachsen. Davon sind wir überzeugt. Denn manchmal bekommt man neue Scheiben von alten Helden, auf die man sich seit Monaten freut. Und natürlich werden diese Scheiben besprochen und entsprechend negativ beschrieben, falls nötig und gerechtfertigt.
Gestartet sind wir mit Reviews von normal gekauften CDs. Mittlerweile sind Partner auf uns aufmerksam geworden, die uns mit Neuveröffentlichungen bemustern. Natürlich sind auch Veröffentlichungen von uns bisher unbekannten Bands dabei. Dann gilt es erst einmal, sich der Arbeitsvorbereitung zu widmen. Die obligatorisch von den Firmen beigefügten Hurrazettel über das bahnbrechende, alles bisher da gewesen übertreffende und in den Schatten stellende Werk studiert der Reviewer sorgfältig. Des Öfteren wird auch im eigenen Plattenschrank recherchiert, insbesondere, wenn Musikernamen, Produzenten oder Songs eigentümlich bekannt sind. Immer wichtiger wird die Recherche im Internet. Die Bands haben in der Regel Homepages. Unter unseren Artikeln verlinken wir zu diesen. Neben allgemeinen Infos über die Bands wie Biographien, Discographien, Details zu den Neuveröffentlichungen, beinhalten die Sites oftmals Photogalerien, Auszüge aus Reviews und Soundfiles. Besonders stolz macht es uns natürlich, wenn eine Band einen Link zur RockTimes auf ihre Seite stellt.
Die nächsten zwei Arbeitsschritte werden je nach Geschmack und Laune des Schreibers zeitlich variiert. Gemeint ist zum Einen die kreative Phase, also die eigentliche Niederschrift der Review. Zum Anderen müssen die HTML-Dateien vorbereitet werden. Dazu gilt es zunächst, jeweils ein brauchbares JPEG von Plattencover und von der Band zu finden. Wenn alles nicht hilft, muss der Scanner seine Dienste verrichten. Wenn ihr im Künstlerindex eine Kapelle anklickt, öffnet sich zunächst die Bandseite. Sie ist variabel, denn sie soll ja mit der Zeit und jedem Artikel zu der Band wachsen. Auf diese Site wird entweder ein Bandfoto oder das Logo online gestellt. Ich persönlich finde Bandfotos cooler, insbesondere, wenn sie denn mal ein paar Jährchen auf dem Buckel haben. Eine weitere HTML-Datei wird für die eigentliche Review gebastelt. Einige von uns arbeiten mit einem Muster, andere adaptieren fertige Dateien früherer Arbeiten. Gewöhnungsbedürftig ist besonders die Syntax für die internen und externen Verlinkungen. Ein Glück, dass es die Kopierfunktion gibt.
Der kreative Akt ist so eine Sache für sich. Natürlich haben wir einen Selbstanspruch. Wir wollen uns in den Formulierungen möglichst wenig wiederholen. Meine persönlicher Anspruch ist, dass der Leser mindestens einmal beim Lesen grinsen sollte. Die meisten Kollegen gehen in der Regel kurz auf die Band und auf die Produktion ein. Manchmal sind auch Aussagen zum Sound angebracht. Falls ein Booklet vorliegt, wird es auch kurz beschreiben. Sind die Texte überhaupt lesbar? Enthält es andere interessante Informationen? Wie viele Seiten umfasst es? In den Anspieltipps werden ein paar Songs intensiver durchgekaut. Schließlich gibt es noch so etwas wie ein Fazit. Einige von uns vergeben mittlerweile RockTimes-Uhren, als so eine Art Bewertung. Die ist natürlich subjektiv, wie die gesamte Review auch. Aber es macht eben Spaß.
Manchmal brütet man und brütet man, aber es will einem einfach nichts Konstruktives einfallen. Schreibblockade - Einfallslosigkeit - Kreatives Vakuum! Dann greifen wir auf eine interne Hilfe zurück: Die CD-Review-Phrasen-Dresch-Maschine. Der funktioniert immer. Seht sie euch mal an:

Besonders der Opener offenbart in der Regel große emotionale Verwirrung
Der schwule Leadgitarrist bedingt hauptamtlich ernsthafte Antriebslosigkeit
Das verunglückte Frontcover hinterlässt abgrundtiefe Harmonieverachtung
Der offenbar besoffene Producer  verursacht generell schlechten Geschmack
Die verstimmte Gitarre kreiert mit kindlicher Freude Seelenfrieden
Eine Frau am Langholz garantiert unterschwellig manische Depressionen
Der jämmerliche Sound generiert tatsächlich verstärkte Fluchttendenzen
Der Kerl am Mischer sorgt locker für andauernde Lustlosigkeit
Die dürftige Spielzeit ist ein Beispiel für tiefe intellektuelle Verwüstung
Der offensichtlich kastrierte Sänger erzwingt ohne Mühe pathologische Schizophrenie
Die Satzteile sind von links nach rechts beliebig kombinierbar. Nein, natürlich findet ihr solcher Art Formulierungen nicht in den Reviews wieder. Aber auf unserer redaktionsinternen Mailingliste sorgen solche Texte mit für die entsprechende kollegiale Atmosphäre. Sie dienen zum Luftholen und zeigen an, dass dies allen vornehmlich Spaß machen sollte. Mit dieser Einsicht verschwinden auch die "Wording"-Schikanen.
Habe ich was vergessen? Ach ja, die Platte an sich. Es soll da draußen tatsächlich noch Kollegen geben, die sich ein Album anhören, bevor sie dazu schreiben. Als ob man nicht alles wesentliche von anderen Reviews abschreiben kann. Als ob es nicht ausreicht, mal kurz in Soundfiles hinein zu hören, wenn denn mal alle Stricke reißen....
Was natürlich Quatsch ist. Logischerweise werden alle CDs, die wir besprechen, intensiv gehört. Der Eine lässt sich im Auto beschallen, der Andere in der Badewanne. Wie auch immer, die Musik ist viel zu interessant. Überhaupt, es ist schließlich unser Hobby, Reviews zu erstellen und nicht unser Job, zu dem man sich täglich quälen muss. Hat jemand mal keine Lust, lässt er es eben.
Die fertige Review wird per E-Mail an unsere Hochladeabteilung gesendet. Die koordiniert auch den zeitlichen Ablauf. Der Veröffentlichungstermin spielt dabei eine ebensolche Rolle wie die für die nächsten Tage geplante Artikeldichte. Durch Skripte unserer RockTimes-eigenen Kybernetikgenies werden die Bandeinträge im Künstlerindex maschinell generiert. Dann endlich ist es soweit. Die Review wird online gestellt, aber erst nur im Geheimen. Sie muss noch von möglichst vielen Kollegen gegengecheckt werden. Dabei wird auf Tippfehler, Grammatikfehler usw. gescannt. Trotzdem passiert es immer wieder, dass der Fehlerteufel zuschlägt. Aber was soll's letztendlich. Ihr wisst ja meistens trotzdem, was der Rezensent ausdrücken wollte. Rock sei Dank haben wir nur selten semantische Probleme.
Wir hoffen, ihr konntet so ungefähr nach verfolgen, wie viel Freude es macht, eine elektrische Musikzeitung zu verlegen. Eure Klicks sind unsere Erfolge. Deren Anzahl interessieren außer uns selbst zwar niemanden, aber es ist schon toll, wahrgenommen zu werden.
Greets, and keep on rockin'!
Euere RockTimes-Redaktion


Olli "Wahn" Wirtz, 24.04.2005