Editorial / Januar 2015



Editorial vom 01.01.2015


Sabine Feickert
Prost Neujahr liebe RockTimes-Leser!
Hoffentlich habt ihr sämtliche Feiertage gut überstanden, ohne Katastrophen wie
davonfliegende Weihnachtsgänse oder Helene Fischer-CD unterm Baum, mit genug Lametta, leckerem Essen und "Dinner For One". Traditionell werden ja zur Neujahrsnacht mit viel Lärm und Getöse die bösen Geister des alten Jahres aus dem Haus vertrieben. An diese Tradition möchte ich anknüpfen und ein paar virtuelle Böller für alles zünden, was wir in 2015 nicht mehr brauchen können.
Fangen wir an mit einem Riesenheuler für seelenlose Produktionen, bei denen überdeutlich wird, dass versucht wird, scheinbar bewährte Rezepte, bis zur Unkenntlichkeit verwässert, wieder und wieder aufzukochen. Dabei ist es mir persönlich fast egal ob die Köche nun lust- und inspirationslose Promis sind oder halbherzig ambitionierte Amateure, die anstatt ihr eigenes Ding wenigstens zu suchen lieber farblose Abziehbildchen der bekannten Größen produzieren. Damit wir uns nicht falsch verstehen - gerade junge Bands orientieren sich oft an Vorbildern, was ja bis zu einem gewissen Punkt auch verständlich und (wahrscheinlich) notwendig ist. Wenn das Ergebnis (gerade auch bei den 'Stars'!!) dann klingt wie schon 500 Mal gehört und davon 501 Mal besser, dann mag ich's einfach nur ganz laut böllern lassen - ran an den Kanonenschlag und weg damit!
Und gleich noch einen hinterher für meinen immer mal wiederkehrenden (und wahrscheinlich vollkommen aus der Luft gegriffenen) Alptraum, dass via Crowdfunding risikolos auf Fankosten produzierte, lauwarme Alben via Briefkastenspam von Nebenbeipromotern die Redaktionen fluten. So würde das System, das ursprünglich die künstlerische Freiheit fördern sollte und auch so richtig abgefahrenes Zeug ermöglicht, das keine halbwegs rechnende Plattenfirma sich leisten kann, ad absurdum geführt. Wenn gecrowdfundet wird wie einst Versicherungen verkauft wurden; der Freundeskreis (und die Verwandtschaft erstmal!) genötigt wird, sich zu beteiligen, in der Erwartung, dass mit der Produktion der CD ein reger Geldregen einhergeht, denn die bekannten Rezepte wurden doch alle(!) befolgt... okay, ich verschone euch mit meinen Alpträumen, alles Quatsch, darauf einen besonders fetten Böller und weg damit!
Halt, sorry, einen immer wiederkehrenden Alptraum muss ich euch doch noch antun. Da spielt eine sooooooooo geile Band in sooooooo einem geilen Laden und im Zuschauerraum herrscht die gähnende Leere - wo ist der fette Knallfrosch dafür? Und den allerletzten Heuler noch für die gealpträumten Szenen, in denen Punkkapellen (ausgerechnet!!) von Promotern geschickt werden, die auf ihren Websiten noch nicht mal mehr Interesse an Musik heucheln, sondern unverfroren von Absatzoptimierung daher BWLern...
Doch jetzt wirklich genug geböllert, legen wir ein paar Gedenkminuten ein. Ein paar stille Lichter zünde ich für alle an, die im letzten Monat des letzten Jahres für immer gegangen sind. Stellvertretend für alle großen und kleinen Musiker und Musikfreunde überall auf dieser Welt, nenne ich hier nur Ian McLagan, Bobby Keys und ganz kurz vor Weihnachten noch Joe Cocker.
Ein verlustreiches Jahr für die Musikwelt war ganz 2014, denn im Laufe des Jahres waren schon einige ganz Große gegangen, so beispielsweise Jack Bruce, Nossi, Klaus Kreuzeder und Johnny Winter.
Aber nun zum neuen, ganz frischen und hoffnungsfrohen Jahr 2015. Mit farbenfrohen Raketen begrüße ich alles, wovon wir gern noch viel mehr hätten.
Eine kunterbunt leuchtende Rakete für junge Bands, die so richtig schön ihr eigenes Ding dreh'n. Rotznäsige, Furztrockene und solche, die noch verdammt viel vor haben mit ihrer Musik.
Eine blutrote Rakete mit vielen Sternen schicken wir in den Himmel für die jung(geblieben)en 'Alten', die mit verdammt viel Erfahrung und ungebrochener Spielfreude die Studios und Bühnen rocken. Ob ganz Große aus Downunder oder (noch) nicht ganz so Allgemeinbekannte aus'm Pott.
Eine Grüne für Musiker, die wirklich was zu sagen haben, wie Ramses-Bassist Herbert Wolfslast über das, was ihn antreibt oder Antoine Fafard der darüber philosophiert, was überdauert.
Eine Warmgoldene für Musik, die ganz tief im Innersten berührt.
Und eine Silbernglitzernde für die Musik, die mir Geschichten erzählt und mich so tief in diese Geschichten mitnimmt, dass der ganze Rest der Welt außen vor bleibt, während ich in einer psychedelischen Dinowelt weile.
Prost Neujahr liebe RockTimes-Leser, lasst uns anstoßen auf ein neues Jahr mit viel guter Musik und ausreichend Zeit dafür!
Cheers, bis demnächst bei guter Musik,
Sabine
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