Editorial / Mai 2013



Editorial vom 01.05.2013


Holger Ott
Hurra! Der lange Winter ist endlich vorbei. Langsam hatte es angefangen an den Nerven zu zerren. Allerdings, wenn man einmal so richtig darüber nachdenkt, sollte der vergangene Winter den Normalzustand darstellen. Wir sind in den letzten Jahrzehnten nur etwas von den milden Wintermonaten verwöhnt worden. Jetzt geht es aber endlich wieder aufwärts mit den Temperaturen und Biergärten sowie Open Air-Veranstaltungen locken die Menschen hinter ihren Öfen hervor.
Muss ich mich eigentlich dafür schämen, wenn ich mich als Berliner zu erkennen gebe? In den vergangenen Wochen stand die Hauptstadt wieder im Mittelpunkt der Berichterstattung. Sei es der Flughafen oder die East Side Galery, die Bebauung des Tempelhofer Feldes oder die bevorstehenden Krawalle zum 1. Mai. Gesprächsstoff und Handlungsbedarf gibt es ohne Ende und um diese Probleme im Detail zu erläutern, würde es einen kleinen Roman benötigen. Unser Partyprinz, ääh Bürgermeister und sein Gefolge werden es schon richten und ich halte mich dazu mit meiner Meinung dezent zurück. Immerhin ist in der Welt noch mehr passiert...
...leider auch schlechte Dinge. Ich frage mich immer, was die armen Menschen, die zufällig in diesem Moment während eines Marathonlaufes an einem bestimmten Punkt vorbei laufen, ebenso wie die zufälligen Zuschauer, damit zu tun haben, dass kranke Köpfe aus nicht definierbaren Gründen Tod und Verderben verbreiten müssen? Normalerweise sollte ich mich als neutraler Berichterstatter grundsätzlich aus solchen Dingen heraushalten, aber seit dem 11. September 2001 sehe ich viele Dinge mit anderen Augen. Ich war damals zufällig zur selben Uhrzeit am gleichen Ort, nur zu meinem Glück an einem anderen Tag. Seit diesem Tag hat sich meine Einstellung zu bestimmten Gruppierungen radikal geändert und es gibt für mich null Toleranz. Deshalb begrüße ich es, dass die Behörden in Boston sehr schnell erfolgreich waren und den überlebenden Täter so bestrafen werden, wie er es verdient hat. Mir ist bewusst, dass ich damit wieder eine Pro- und Contra-Diskussion auslöse, aber ich werde niemals mehr von meinem Standpunkt abweichen, denn die, welche die Contra-Meinung vertreten, haben meistens nicht die geringste Ahnung, was es für ein Gefühl ist, so nahe dem Ende gewesen zu sein.
Genug mit den religiösen und politischen Anspielungen. Widmen wir uns lieber den schönen Dingen im Leben, zu denen natürlich die Musik zählt. Aber auch dort wird die Liste derer, die im Himmel neue Supergroups gründen immer länger. Ein besonders schlimmer Verlust ist der Tod von Woodstock-Legende Richie Havens, der nun in seinem eigenen Woodstock angekommen ist. Vermutlich trifft er sich dort mit weiteren Ehemaligen, um das Festival noch einmal zu feiern. Ein Herzinfarkt hat bei dem Zweiundsiebzigjährigen zum Tode geführt. Wer weiß, wen es als Nächsten trifft?
Einer der musikalisch fast Totgesagten ist dafür plötzlich aus der Versenkung empor gestiegen. Nach zehn Jahren hat das Chamäleon der Musik, David Bowie, eine neue Studioscheibe veröffentlicht. Vermutlich ist ihm die Idee dazu gekommen, als er wieder einmal seiner heimlichen Geliebten, der Stadt Berlin, einen Besuch inkognito abgestattet hat, um die Orte abzuleuchten, die ihn zu seiner Trilogie "Low", "Heroes" und "Lodger" inspiriert hatten. Mit "The Next Day" wird er wohl nun mit diesem Lebensabschnitt abgeschlossen haben. Vielleicht haben seine Fans und alle die es werden wollen das Glück, ihn noch einmal während einer Tour auf der Bühne bewundern zu können.
Ein anderer großer Sänger, Entertainer und Schauspieler verabschiedet sich dafür endgültig von den Bühnen der Welt. Meat Loaf lädt zur letzten Tour ein. Leider steigt das Konzert in der Hauptstadt erst nach Redaktionsschluss dieses Editorials, sodass der Bericht von mir und die damit zusammenhängenden Impressionen erst in ein paar Tagen veröffentlicht werden können. Die Zeiten, in denen er sich mit seinem ungeliebten Spitz- und Künstlernamen anreden lassen musste, gehören dann endgültig der Vergangenheit an und er wird wieder zu Michael Lee Aday (Anm. der Redaktion: Sein Geburtsname ist Marvin und wurde von ihm 1984 in Michael geändert). Ich hoffe nur, dass er nicht gänzlich von der Bildfläche verschwindet und wenigstens als Schauspieler, was ja sein zweites Standbein ist, weiterhin präsent bleibt.
Aktuell ist hingegen das Musikepos Avantasia aus dem Hause Tobias Sammet und seinen hochkarätigen Gästen. Sammet, sowie einige seiner Edguy-Jungs, greifen mit der "Mystery World Tour" wieder in die Vollen und liefern eine dreistündige Symphonic Metal-Show ab, die es in sich hat.
Auch in den kommenden Monaten sind die Tourpläne der Bands eng gesteckt. Darunter viele Größen der Musik, von denen lange nichts zu hören war und von denen man glaubte, sie nie wieder auf der Bühne zu sehen. So beehren uns Fleetwood Mac sogar mit neuem Material im Herbst. Kiss sind auf einer ihrer vielen Jubiläumstouren leider nur mit einem einzigen Konzert in Deutschland.
Roger Waters baut zum letzten Mal seine Mauer wieder auf, natürlich unter anderem in Berlin. Vielleicht passen seine verbliebenen Reste in die Lücken der East Side Galery. Neil Young hat die Satteltaschen seiner 'Verrückten Pferde' gleich mit zwei aktuellen CDs vollgepackt und ihm auf dem Fuße folgen seine ehemaligen Kollegen Crosby, Stills & Nash. Altmeister Eric Clapton zupft demnächst ebenso in unseren Landen die Saiten wie Joe Satriani und wer es besonders hart mag, der darf sich auf Iron Maiden freuen. Deep Purple sollten sich zur Kostendämpfung am besten Häuser in Deutschland kaufen. So oft wie sie hier auf Tour sind, könnten sie gleich unsere Staatsbürgerschaft annehmen. Nach einer gefühlt endlosen Zeit, bringt das Quintett in diesen Tagen eine neue Studio-CD auf den Markt. Im Herbst stehen sie dann damit auf der Matte.
Zwar wollte ich das nächste Konzert auslassen, aber, auch in Anbetracht des Vorprogramms mit Peter Frampton, juckt es mich schon wieder und ich werde doch dabei sein.
Neben diesen und vielen weiteren großen Namen, die uns in diesem Jahr noch besuchen werden, sollte man natürlich auch nicht die etwas weniger bekannten Bands vergessen, die sich Abend für Abend in den kleinen Clubs darum bemühen, dem kritischen Publikum ihre Kunst zu zeigen. Hut ab vor denen, die sich jahrzehntelang abstrampeln, dabei Spitzenqualität abliefern und es dennoch nicht auf den Olymp schaffen.
In diesem Sinne, niemals aufgeben und stets nach vorne blicken. Rock on aus der Rock City,

Euer Holgi
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