Ewiger Refugee legt Fans diesseits des Atlantiks weiter auf Eis
Zwischenruf US-Wahl 2008
    Tom Petty
        und Staus auf der A9




Zwischenruf vom 12.02.2008


Grit-Marina Müller
Hamburg? Fehlanzeige! München? Unbekannt! Berlin? Tba?? Äußerst spekulativ!
Fährt man aber diesen Sommer im gelobten Land versehentlich an der nächsten Highway-Abfahrt vorbei, könnte es durchaus sein, dass man gerade dort mal wieder einen Petty-Gig verpasst. Sonnyboy Tom bereist nämlich ab Juni einmal mehr mit der Akribie eines Geografielehrers jeden noch so wichtigen oder auch weniger wichtigen Ort zwischen NY und LA.
Gleich dem unerschütterlichen Kampfgeist seiner 'Kollegen' Obama, Clinton & Co. auf dem politischen Parkett der aktuell anstehenden Präsidentschaftswahlen in Übersee, beschwört Cherokee-Halbblut Petty scheinbar ebenso vehement den ausgeprägten Lokalpatriotismus der nordamerikanischen Art. Soweit hergeholt ist dieser Vergleich freilich nicht. Erst kürzlich ließ sich Ex-First Lady und Nun-Selbst-Kandidatin Hillary Clinton nach gewonnener Vorwahl im Bundesstaat New Hampshire mit 'American Girl'-Chorälen feiern.
Es muss nicht verwundern. Lassen oder spannen sich selbst doch andererseits keine Geringeren als die drei verbliebenen Vermögenswächter von Grateful Dead vor den Karren des größten Clinton-Konkurrenten Barack Obama und geben zu dessen Gunsten nach fast vierjähriger Funkstille ein eilig organisiertes Konzert in Dead-Home San Francisco.
Populär, massen- und medienwirksam wie sie sind, funktionieren die Schachzüge dieser gewieften Marketingmaschinerie nicht erst seit Springsteens ewig missverstandenem, seinerzeit hochexplosiven "Born In The U.S.A."-Zündstoff.
'Last DJ' Tom fährt indes ganz andere Geschütze auf. Er rockt schlichtweg den Olymp, also die Halftimeshow des diesjährigen Superbowl! Welche Ehre! Doch der Insider weiß spätestens seit den Bekenntnissen in "Down South": Da gab es wohl Probleme - latente oder gar handfeste finanzielle?! - wenn Petty berichtet: »one more day down south... sell the family headstones... drag a bag of dry bones... make good on my back loans...«.
Drastische Mittel! - Es musste Abhilfe her. Da kam das überdimensionale sportliche Nationalereignis gerade recht: Ein weiterer Meilenstein in der Superstarbiografie und jede Menge cash flow! Das klingt bizarr, ist aber natürlich nur scherzhaft konstruiert, dank der unwiderstehlichen Songlyrics.
Wahr ist: Tom, der mit zweitem Vornamen tatsächlich Earl heißt, muss rein beruflich nun wirklich nichts mehr tun, das er nicht aus reiner Freude am Vergnügen und - einer gewissen Ehre heraus sicherlich auch - machen würde. Genau diese Ehre und Freude ist es, die er doch aber endlich wieder mit seinen europäischen Wählern resp. Fans teilen sollte. Schließlich gelang ihm der ganz große Durchbruch vor sage und schreibe drei Jahrzehnten auf ziemlich exakt der anderen Seite des großen Teichs vor der Floridanischen Haustür, und zwar mit erwähntem "American Girl" in hot swingin' und trendsetting UK! Knapp davor sogar noch war es kein weniger bedeutendes Venue als der Maßstäbe setzende Rockpalast, der Tom Pettys Namen erstmals in die Annalen der abendländischen Rockmusic Star History katapultierte.
Hat er das vergessen? Schwer vorstellbar. Nein, die bedenklich konsequent fahrlässige Abwesenheit auf dem Alten Kontinent lässt sich vermutlich wiederum ansatzweise geografisch erklären: Es handelt sich mit einiger Sicherheit um das obskure Heartbreaker-Syndrom der permanenten Überlastung durch Heimarbeit und regionale Hausaufgaben. Resignation wird spürbar wenn Bandvorstand Petty an einem Beispiel verdeutlicht: »this old town is a sad affair... you be glad you're not there... it ties your hands... it spikes your drink... I'd say more, but I can't think'...« und letztlich nüchtern resümiert: »rats to kill... contracts to fill... it's on ice... but it won't keep...«. Folgerichtig! - Das Eis schmilzt ganz sicher nach sagenhaften 17 Jahren seit der letzten Euro-Tour, wir sehen über den 'Kurzbesuch' in Hamburg '99 hinweg.
Trotz aller Verbundenheit mit den heimatlichen Gefilden sollten nun wirklich mal die 'Rest-der-Welt-Pflichten' wahrgenommen werden. Die Ministerien von Dylan und Springsteen können das nicht wieder allein erledigen! Speziell Verkehrspolitik ist und bleibt zweifelsfrei Petty-Ressort. Als buchstäblich wegweisend gilt diesbezüglich und erwiesenermaßen der jüngst entworfene ultimative Autobahnguide "Highway Companion". Er muss als Gesetzesvorlage hierzulande mit ausdrücklicher Empfehlung zahlloser gestresster Businesscracks auf der A2, gemütlicher Rechtsspurschleicher (wie mich) und nervenstarker Stauprofis auf der A9 durch den Bundestag und beschlossen werden.

Kann aber Roadtripping mit Tom im Player die einzige Alternative zu längst überfälligen Wahlkampf-Liveshows sein? Kaum. Wir werden wohl noch weiter warten müssen auf unseren "Night Driver". Vielleicht ist er ja "Ankle Deep", "Damaged By Love" und deshalb gerade unterwegs zum nächsten "Big Weekend". Wahrscheinlich aber spielt er einfach nur allzu gern und lächelnd "Flirtin' With Time" .