Hi-End-Muffel
Zwischenruf
Vorbei gehört
Samstag Abend. Ella verabschiedet sich zu einem Sambuccafeldzug im Rahmen einer T.Y.P.-Show. (Wer's nicht weiß - regionale AC/DC -Coverband). Mein Plan für den Abend ist nicht minder ambitioniert. Zuerst will ich die Boxen neu verkabeln. Dann muss ich endlich mit der Review zu "Room V" von Shadow Gallery beginnen. Schweren Herzens zwar, weil es letztendlich bedeut, dass dieses hervorragende Album in naher Zukunft doch seinen Stammplatz in jedem CD-Spieler in meiner Nähe aufgeben muss, aber Pflicht ist Pflicht.
Die Speaker neu verkabeln. Davor habe ich mich seit einer Ewigkeit gedrückt. Mit meinem echt maskulinen Technics-Vorverstärker-Endstufe-der-mit-der-Pegelanzeige befeuere ich seit Jahren 4 Boxen. Das A-Paar habe ich gebraucht gekauft. Es klingt ganz amtlich. Als B-Paar fungierten lange Zeit "Russische No Name" Teile für 99 Mark das Stück. Angeblich waren die Spulen handgewickelt. Ich stelle mir immer vor, wie Mamuschka in Wladivostok bei -45 Grad den dünnen Kupferdraht um einen Eisenkern wickelt. Als einzige Werkzeuge eine rostige "Vaterländischer-Kriegs"- Zange und eine schon fast massakrierte Flasche methanolhaltigen Wodkas. Aber, die Speaker waren robust. Mein Patenkind fand eines Tages gefallen an den lustigen Hochtöner-Membranen und drückte sie kurzerhand ein. Bei der Müllmusik, die ich mir zu geben pflege, wenn ich mal nicht in Sachen RockTimes unterwegs bin, schadete so was dem Sound nicht so sehr. Bei Metal kommt es nach meinem Dafürhalten eh mehr auf Leistung an. Auf Wattzahl, auf POWER, anstatt auf tadellose Hochtöner, reflektierte Bässe oder ausgewogene Frequenzweichen. Mittlerweile fungieren die alten Standboxen meines Kumpels als B-Paar. Die Geschichte, warum er die abgeben und gegen eine moderne Dolby 5.1 Anlage austauschen musste, ist ganz interessant und nur einen Klick entfernt.
Jedenfalls hatte ich bei der Erstinstallation der Lautsprecher irgendwie die Seiten verwechselt. Den Balance-Regler nach rechts gedreht, führte zu einer Amperezunahme an den linken Boxen. Das will ich an diesem Samstag Abend endlich korrigieren.
Gesagt, getan. Zuerst ziehe ich den Vorverstärker-Endstufe-mit-der-Pegelanzeige liebevoll aus dem Regal. Ich will mir Zeit lassen. Jeder Handgriff ist genau geplant. Ich drehe behutsam die Verschlüsse auf, einen nach dem anderen. Jedes Kabelende zwirbele ich vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger und klemme die Drähte neu ein. Es ist schon ein erhebendes Gefühl.
Endlich ist es dann soweit. Mit "Room V" armiert lege ich los. Die speedig progressiven Klänge von "Manhunt" kommen druckvoll und endlich auch seitengerecht aus den Speakern. Vol.4, Vol 5 Niemand außer mir und zwei Katzen ist zu Hause. Was soll es also? Vol 6... und Peng. Mit einem scharfen Klacken springt irgendeine Schutzschaltung an. Die Lichter der Pegelanzeigen sind erloschen und der "Room V" steht leer. Wieder muss ich mich ins unübersichtliche Kabelgeflecht stürzen. Der nächste Belastungstest findet unter Kopfhörerbedingen statt. Vol 8. Das wohlige Brüllen dringt in den Schädel ein. Gütiger Gott, was für eine phantastische Double-Bassdrum Eruption... Peng! Wieder sind die Lichter aus. Wieder herrscht bedrückende aber vielsagende Stille.
Zum dritten Mal gilt es. Der Verstärker wird nach vorne gezogen, die Kabel gelöst, neu verzwirbelt und wieder befestigt. Alle andere Anschlüsse werden überprüft. Der lange Rede kurzer Sinn: Drei Versuche habe ich gebraucht, um die Schutzschaltung einzuschüchtern. Sie traut sich nicht mehr heraus.
Bei den eben geschilderten Aktivitäten ist mir siedend heiß eingefallen, wie ein ehemaliger Kollege reagiert hatte, als ich ihm damals von meiner Anlage erzählte. Er litt unter Audiophilie und war nach meinen Schilderungen absolut entsetzt. Besonders, als ich so frei heraus herumtönte, dass jede Box an mindestens 5 Meter Kabeln hängt. Das war für ihn schlicht unbegreiflich.
"Bist du verrückt?" hatte er gefragt. "Die Kabel müssen so kurz wie möglich sein. Jeder Zentimeter zuviel schadet dem Klangbild." Und weiter ging die Triade: "4 Boxen? Das hast du sicherlich ganz genau ausgemessen? Nicht? Aber, dann bekommen die Speaker die Signale doch mit Zeitdifferenzen. Außerdem - 4 Boxen. Das ist doch Mist." Meine Hinweise auf die Impulsgeschwindigkeit von ungefähr 2/3 der Lichtgeschwindigkeit und "Power aus jeder Ecke" ließ er nachsichtig lächelnd von seiner HI-End Fassade abtropfen.
Dieser Kollege war so was wie ein Hi-End Fundamentalist, Stammkunde eines örtlichen Hi-Fi Fachgeschäftes und lange Zeit fanatischer Verfechter der 70er Jahre Verstärkertechnik. "Mein altes Gerät hat noch richtige Röhren! Und Kühlbleche!" Das war einer seiner Lieblingssprüche. Bis ich ihn eines Tages irgendwie diebisch grinsend und seltsam zufrieden an seinem Schreibtisch sitzen sah. "Ich habe es getan!" erklärte er und guckte mich bedeutungsschwanger an. Trotzdem musste ich zweimal nachfragen, bevor er einsilbig erzählte: "Habe mir einen neuen Verstärker zugelegt. Zwar gebraucht, war aber ein Superangebot."
Es handelte sich um ein Gerät von Bäng und Burmeister oder so. Dreimal musste ich fragen, bis er mir kleinlaut den Kurs verriet. "Etwas über 10.000 DM". Was die Frau denn dazu sage, wollte ich wissen. "Das war das letzte Mal. Musste ich ihr versprechen."
Wie das Leben so spielt, sah ich ihn zwei Monate später wieder einmal in eine Fachzeitschrift vertieft. "Meine alten Boxen sind nicht mehr 100% kompatibel." Wieder einen Monat später passte auch der CD-Spieler nicht mehr zum neuen Equipment. Als ich ihn das letzte mal traf, ging es um vergoldete Stecker und gänzlich neue Kabel. Schätzungsweise kostet ihn seine Besessenheit nicht nur Unmengen an Geld, sondern auch einige samstägliche Boutiquenbummel mit seiner Frau und so manchen Besuch bei der Schwiegermutter.
Mittlerweile frage ich mich, wie denn die Hi-Ende Fraktion auf Innovationen wie Funkboxen reagiert. Ich schätze mal, zunächst ablehnend. Man wird sich gegenseitig mit Begründungen überhäufen, warum Funkboxen nicht vernünftig funktionieren können. Interferenzen, Energieerhaltung, Elektronenermüdung und weiß der Henker was noch wird angeführt werden. Bis eine Firma die Nuss endlich knackt. Weil, oft geht es ja auch bei diesen Jungs um kaum greifbare Phänomene. Manchmal kommt schon das Gefühl auf, das in den HI-End Hardcore Kreisen durchaus eine Affinität zu esoterischen Erklärungen besteht. Da geht es auf einmal nicht mehr um empirische oder auch nur halbwegs nachvollziehbare Effekte, sonder um semi-logische Kausalitäten, die Außenstehenden wie Hokus-Pokus anmuten. Kann sich beispielsweise noch jemand daran erinnern, als es hieß, dass CDs besser klingen, wenn man den Rand mit schwarzen Edding bemalt? Weil der Laser dann besser fokussiert wird!
Also, irgendwann wird eine Firma so etwas herausbringen wie einen "phasenverstärkenden Gleichrichter" oder eine "Hi-End - modulierende Sender/Empfängerphalanx." Hauptsache, sie kann irgendwie an die Anlage gefummelt werden, sieht unheimlich technisch aus und kostet von 700 Euro an aufwärts. Dann geht bei den moderneren Hi-Endern die Jagd los. Viele Traditionalisten werden das Konzept der kabellosen Anlage aber empört ablehnen, bis die Hölle gefriert.
Jeder so, wie er will! Anlagen kann man sich auch schön hören, um die Abbuchung von seinem Konto zu rechtfertigen. Aber das muss jeder eben selber wissen. Hauptsache alle haben ihren Spaß daran: Die Audiophilen, die Hersteller, der Fachhandel, die Fachpresse und auch jene, welche die ganze Szene mit ungläubigen Erstaunen beobachten.


Olli Wahn Wirtz,28.05.2005