Talente
Agnieszka Czajkowska

Zu gut für Bohlen & Co.
Kaum einer gibt zu, den Schwachsinn anzuschauen, aber am nächsten Tag reden alle darüber. Gemeint ist der Versuch, mit aller Gewalt neue 'Stars' in der Medienlandschaft unterzubringen. Eine Medienlandschaft, die seit Jahren darauf aus zu sein scheint, weniger (bis gar nicht) auf Qualität zu achten, denn irgendwelche Trends künstlich zu kreieren bzw. tagtäglich den Beweis erbringt, dass sich Seichtheit prima verkaufen läßt. Auditiv wird Otto-Normalhörer mehrmals täglich brutal vergewaltigt. Zumindest, wenn er Stätten aufsucht, bei denen die Berieselungsanlage fremdgesteuert ist und es keine Ausweichmöglichkeiten gibt. Wo bleibt die Verordnung, die dieser Qual ein Ende setzt? Wo sind Warnschilder und die bereitgestellten Ohrstöpsel?
Das braucht es nicht, liebe Leute, denn diese Musik ist unschädlich weil so banal und austauschbar. Ein leicht dahinplätschernder Frühlingsbach hat mehr Dynamik und Spannung. Was weh tut, ist die Tatsache, dass sich Erfolg oftmals umgekehrt proportional zum Talent verhält. Es reicht, wenn Deutschlands Schlüpfrigkeiten-König den Daumen nach oben streckt und man ist im Geschäft. Wie seriös das Unterfangen neue Stimmen braucht das Land ist, zeigt sich bei den immer wieder gesendeten Beiträgen von Bewerber(innen), die besser in der heimischen Badewanne ihre Urschrei-Therapie durchgeführt hätten. Mit Rücksicht auf die Nachbarn sollte sich das Krakel-Organ dabei aber unter der Wasseroberfläche befinden.
Die Sieger der Show haben Stimme, ohne Frage. Wie lange aber werden sie 'ihre' Musik machen können, so sie es überhaupt dürfen? War ja schon bezeichnend, dass dem sympatischen Rockfreak und Erstplazierten gesagt wurde, das er ja eigentlich rockige Nummern bringt. Das ist wie: 'eigentlich bin ich ja schwul, aber zeig mir trotzdem mal deine Titten'.
"Suchet, so werdet ihr finden", heißt es bereits im "Matthäus Evangelium". Man muss aber wissen wo, wie und vor allem was man sucht. So nach dem Motto: 'Auf der Säuglingsstation finde ich keine Pepperoni'.
Wie auch immer: Es gibt sie, die Stimmen, die nicht nur begeistern, sondern es auch können. Und wie!
Der suchenden Jury wären wohl die Kinnladen nach unten gefallen. Wie auch dem eingangs erwähnten Otto-Normalhörer. Denn der würde beispielsweise im Supermarkt vergessen, das preisreduzierte Bärlauchpesto zu suchen und mit offenem Mund Richtung Deckenlautsprecher starren, um sie zu hören.
Agnieszka CzajkowskaSie - das ist die Polin Agnieszka Czajkowska und 24 Jahre alt. Bereits im zarten Alter von 12 Jahren begann sie zu singen, gekrönt durch fünf Jahre klassiche Gesangslehre am polnischen Theater.
Vor ca. drei Jahren entschoss sie sich, Operngesang mit Rock und Pop zu verbinden, bzw. zu mischen. Und das klappt, wie die Queen-Nummer "Who Want's To Live Forever" eindrucksvoll beweist. Gänsehaut, ob dieser dynamischen Stimme.
Sie schafft gar eigentlich 'Unmögliches', nämlich Depeche Mode-Songs so zu intonieren, dass mir der Mund offen stehen bleibt. Was steckt in Nummern wie "One Caress", "In Your Room" oder "Blue Dress" doch für ein Potential...passende Stimme vorausgesetzt!
Nun bräuchte es ein paar tief gestimmt Gitarren und Musik à la Nightwish oder Tristania. Tarja und Vibeke hätten unzweifelhaft gewaltige Konkurrenz in Agnieszka.
Sisters Of Mercy, The Cure, Depeche Mode, Queen, U2, Him, Pink Floyd, Nightwish, Rammstein, The Rasmus... sind Bands, die sie mag und deren Tracks sie covert. Leider covert, denn Agnieszka Czajkowska hat noch immer keinen Promoter und Manager gefunden, der ihr eine passende Band an die Seite stellt und sie dorthin schickt, wo sie hingehört: An die Bühnenfront und ins CD-Regal.
Bester Indikator für Musiker, die was können (leider nur bis Anfang letzter Woche), war unser Welli. Wenn er schimpfte, hieß das 'mach den Schrott aus'. Hat er fröhlich mitgezwitschert, war das höchste Auszeichnung für das Gehörte. Und bei Agnieszka hat er in den höchsten Tönen 'lobgezwitschert'. Nun muss sich 'nur' noch jemand finden, der der Frau auf ihrem gewählten Weg weiter hilft. Denn wie gesagt:
"Sie ist zu gut für Bohlen & Co.!"
Kompliment auch an die Macher, der mir zugeschickten Demo-CDR. Die Arrangements von Rafal Szumny und Bartek Idzi, der von Tomasz Rogula in den 'TR-Studios' aufgenommen Nummern, sind hervorragend.
Sollte jemand Interesse zeigen, wir stellen den Kontakt zu Agnieszka Czajkowska mit Freude her und hoffen auf Nightania.


Ulli Heiser, 08.05.2006